A youtuber‘s world – Von kreativen Spielwiesen und zweifelhaften Vermarktungssystemen

(von Jan Henrich – Champus Ausgabe 06/07 2015) Eigentlich sind es großartige Zeiten für angehende Medienmacher. Noch nie war es so einfach audio-visuelle Inhalte zu produzieren und sie einer großen Zuschauergruppe vorzustellen. Insbesondere Youtube ist mittlerweile auf einer Ebene angekommen, die dem klassischen Fernsehen in Sachen Zuschauerzahlen durchaus Konkurrenz macht. Manche Sendeformate haben bis zu 36 Mio. Abonnenten, einzelne Videos über eine Milliarde Klicks.

Eine klassische Youtube-Sendung ist zudem nicht besonders aufwendig zu produzieren. Die meisten Sendung kommen ohne großes Set, ohne Kamera-, Animations- oder Stuntcrew, ja oftmals sogar ohne Autoren aus. Eine digitale Spielgelreflexkamera, etwas Tiefenunschärfe, eine einfache 3-Punkt-Beleuchtung, schneller Schnitt, das obligatorische Ikea-Regal im Hintergrund und selbst ordentliche Studiomikrofone gibt es mittlerweile in einer USB-Version für den direkten Anschluss am Computer. Ein perfektes Umfeld für spannende neue Formate und außergewöhnliche kreative Ideen.

Doch gerade in den letzten zwei Jahren ist die inhaltliche Weiterentwicklung ins Stocken geraten und insbesondere in der professionelle Youtube-Szene finden sich mittlerweile überall die gleichen Sendungen wieder.

Let‘s plays, „Follow me around“-Videos, Beauty-Tipps, kuriose Top10-Listen und Vlogs über aktuelle reisserische Nachrichtenthemen finden sich in ähnlichem Aufbau in allen Youtube-Sprachregionen. Die englische Version von Sami Slimani trägt sogar die gleiche Frisur. Und es wirkt fast erschreckend, wie erfolgreich manche dieser Formate hierbei sind. Wer würde sich im Fernsehen eine Sendung anschauen, bei der jemand den Inhalt seiner Einkaufstüte vorstellt? Auf Youtube sehen sich Millionen diese sogenannten „Haul“-Videos an. Für Werbefirmen ist das lukrativ, denn insbesondere mit Kennzeichnungspflichten für Werbung und Sponsoring nimmt man es nicht so genau. Dabei schaffen die Youtuber ein Umfeld, in dem sie selbst als Teil der Zuschauercommunity gesehen werden. Junge Stars zum anfassen, anschreiben, die mit der Welt ihren Alltag teilen. Die Szene wird damit zur Bravo der pubertierenden 2010er-Generation und die „Youtube-Stars“ sind die von Horden kreischender Teenager bejubelten Boygroups.

Nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung sind die sogenannten Netzwerke, Vermarktungsfirmen für Youtube-Kanäle, die in Deutschland oftmals von ehemaligen Managern des Privatfernsehens und der Werbewirtschaft betrieben werden. Auch wenn die Netzwerke von sich selbst behaupten keinen direkten Einfluss auf die Inhalte der Sendungen zu haben, so werden durch Werbedeals, angeordneten Kollaborationen und spezielle Schulungen viele junge Videomacher in bestimmte Schablonen gedrängt. Die Vorgabe ist einfach: Bei möglichst wenig Produktionsaufwand, möglichst großem Spielraum für Werbedeals und möglichst vielen einzelnen Videos, sollen mit Themen wie Sex, Aussehen und Kuriositäten möglichst viele Klicks erzeugt werden. Unabhängige neue Kanäle, die nicht in diese Schablonen passen, werden dabei durch die Marktmacht der sich gegenseitig unterstützenden Netzwerk-Youtuber verdrängt.

Doch Überraschenderweise verzeichnen gerade die Ausnahmen dieser Entwicklung im englischsprachigen Youtube-Raum mittlerweile einen immer größeren Erfolg. Denn hier haben sich einige Netzwerke zusammengetan, die gerade nicht von ehemaligen Fernseh- und Werbemanagern geleitet werden, sondern von den Kreativen selbst. Bestes Beispiel ist John Green. In Deutschland ist der Autor durch seine Romane „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ und „Eine wie Alaska“ bekannt, in den USA erzielt er zudem täglich mit seinem Bruder hunderttausende Klicks mit seinen Videos. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Youtubern setzen die Green Brüder bei ihren Wissensvideos über Geschichte, Biologie, Psychologie und Literatur auf ein professionelles Autoren- und Animationsteam, welches die einzelnen Themen nicht nur genau recherchiert sondern auch herausragend unterhaltsam vermittelt. So unterhaltsam und informativ, dass ihre CrashCourse-Videos mittlerweile an vielen amerikanischen Schulen in den Unterricht eingebaut werden.

Dass ein Comedy-Format auch ohne den typischen Youtuber-Imagefilm-Look, nur durch interessante Skripte und lustige Darstellung erfolgreich sein kann, zeigen die Macher rund um das Netzwerk „Channel Awesome“. Dessen Mitbegründer Doug Walker verzichtet in seinen Filmkritikvideos auf Spiegelreflexkameras, setzt dafür aber auf eine ganze Lagerhalle mit Requisiten und Kostümen. Hintergrundinformationen und Fachwissen über die Filmwelt sowie die offensichtlich große Verehrung für berühmte Filmkritiker wie Roger Ebert sind hier Basis der inhaltlichen Ausgestaltung. Gerade diese Beispiele zeigen, wie viel kreatives Potenzial in Youtube als Plattform steckt und welche interessanten Entwicklungen unsere moderne Medienwelt ermöglicht. Bleibt zu hoffen dieser Gedanke auch hierzulande Einzug hält und die Professionalisierung der deutschen Youtube-Szene nicht bei der Vermarktung aufhört, sondern sich irgendwann auch auf die Inhalte erstreckt.

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